Noch einige Leseproben

Traditionelle Familienrolle

„Die falschen Vorstellungen von heute hängen auch damit zusammen, dass man sich vorstellt, dass in der Urgeschichte die soziale Welt noch intakt war. Dass es wirklich so etwas wie ein urgeschichtliches Geschlechterparadies gab. Für uns erscheint die Urgeschichte als ein Ruhepol, an dem alles noch in Ordnung war. Es gab eine weit verbreitete Gewissheit, dass man die sozialen Verhältnisse in der Urgeschichte kennt, nämlich dass die übliche Beziehungsform die heterosexuelle Zweierbeziehung war, die dann in biologische Kleinfamilien mündete. Dass also biologische Kernfamilien die Basis und Grundstruktur der Gesellschaft bildeten und dass es eine bestimmte Rollenverteilung gab, dass nämlich der Mann der Ernährer und Versorger war, während die Frauen Hausfrauen, Mütter und Gattinnen waren“.

Woher kommen die Vorurteile?

 In der klassischen Antike, den römischen und griechischen Gesellschaftsbildern, ist ein eindeutiges Frauen- und Männerbild überliefert. Das Christentum, das großen Einfluss auf die westliche Welt hatte, übernahm die Rollenbilder und konservierte sie bis zur heutigen Zeit. Die Idee, Frauen hatten Führungsrollen in den steinzeitlichen Gemeinschaften, war undenkbar. Zum Teil tut sich die männliche Welt heute schwer, Frauen als gleichberechtigt oder je nach individuellem Können, als überlegen wahrzunehmen.

Heute weiß man, dass diese Bilder nahezu alle so nicht richtig sind„.

 

Die ungeschriebenen Regeln der Männergesellschaft

Das Sterbehaus der Deutschen Bank.

So heißt ein Artikel, der in der Zeit Nr. 43/2015 veröffentlicht worden ist:

„In einem Haus im Frankfurter Westend in Frankfurt sind die Büros von ehemaligen Vorständen der Deutschen Bank. In diesem Haus sitzen Männer, deren Büros früher so groß waren, dass man sie langen Schrittes durchmessen musste, um irgendwann vor dem Schreibtisch zu stehen. Robert Ehret, 2015 90 Jahre alt, war der einzige, der in den Interviews der Zeit einwilligte, dass sein Name genannt wurde. Zur Begrüßung gesteht er einen Fehler: er hätte seinen Besuch eine halbe Stunde warten lassen müssen. Das Wartenlassen gehört zu den letzten Machtgesten, die ihm und seinen Büronachbarn geblieben sind, und er weiß das auch.

Zu den Privilegien eines Deutsche-Bank Vorstandes gehörte es, sehr viel Geld zu verdienen, aber das ist das unwichtigste Privileg. Und von diesen Privilegien (Fahrer, Büro, Kunst, Sternekoch und großen Büros in der obersten Etage) gibt es hier im Westend kaum noch etwas. Der Fahrer fährt einen morgens nicht mehr in die Vorstandstiefetage. Der Aufzug fährt nicht mehr ohne Zwischenstopp nach oben.

Hier ist alle Macht verschwunden. Der Krieg ist verloren. Jeder in der Bank, der Karriere macht, gleicht einem fanatischen Sammler. Es gibt immer einen anderen, einen Konkurrenten, der dasselbe besitzen will wie man selbst; der schon dort ist, wo man selbst noch hin muss; der schon hat, wovon man selbst noch träumt. Das ist der Eindruck, den man im Gespräch mit den Ehemaligen gewinnt: dass ein Vorstand der Bank permanent damit beschäftigt ist, seine Konkurrenten zu bekämpfen. Dass es immer wieder aufs Neue gilt, Niederlagen zu verarbeiten und Allianzen zu schmieden“.

 

Was ist toxische Männlichkeit?

„Die beste Zeit, ein Mann zu sein

Essay aus der Zeit Nr. 15/2019 vom 4. April 2019 von Rudi Novotny

 „Der Mann von heute ist in der Krise, weil er angeblich nichts mehr im Griff hat. Bereits im Jahr 2010 prophezeite eine amerikanische Autorin, dass die Zeit der Männer zuende gehe. Im Vergleich zu Frauen sind Männer öfter arbeitslos, alkoholkrank, obdachlos und gewalttätig. Dem stagnierenden Industriesektor mit traditionellen Männerjobs steht ein wachsender Dienstleistungssektor gegenüber, in dem Empathie und Kommunikation gefragt sind.

Der Mann weiß nicht mehr, wer er ist. Und noch weniger, wer er sein sollte. Tatsächlich aber gibt es keine Krise. Jetzt ist die beste Zeit, ein Mann zu sein. Männern wird heute die Freiheit zum improvisieren geschenkt. Die Freiheit, etwas zu dürfen oder die Freiheit, etwas nicht zu müssen. Männer dürfen heute alles. Sie müssen nichts. Sie können entscheiden, wer sie sein wollen. Rollen zwingen immer dazu, einen Teil seiner selbst zu verleugnen.

Die Industrialisierung riss die Männer von den Bauernhöfen und verfrachtete sie in Büros und Fabriken. Die gegensätzlichen Arbeitsorte führten zu gegensätzlichen Rollenbildern. Der Mann draußen in der Welt – aktiv, rational, willensstark. Die Frau drinnen im Heim- passiv und emotional“.