Was berührt den Mann des 21. Jahrhunderts?

Leseprobe

„Es ist Freitag, der 8. März 2019, 16.45 Uhr. Alexander ist ziemlich genervt über den täglichen Stau am Osterdeich in Bremen. Seit Wochen immer das Gleiche. Nichts geht mehr. Und immer wieder der Eindruck, dass an dieser Baustelle gar nichts voran geht. Es sieht zwar, dass der Verkehr einspurig an der Baustelle vorbeigeführt wird, aber Arbeiter hat er dort noch nie gesehen. Quälend langsam geht es im Schritttempo an der Baustelle vorbei. Normalerweise braucht er hier bis zur Autobahn 8 Minuten, jetzt sind es in der Regel 30 Minuten. Dabei will er nur nach Hause zu seiner Familie in Brinkum. Endlich Wochenende, weg von seinem Arbeitsplatz. Aber wenn er ehrlich ist, dann will er zwar weg von seinem Arbeitsplatz, aber will er wirklich nach Hause, wo ihn der nächste Stress erwartet“.

 

„Alles stresst ihn zur Zeit,

  • der Job,
  • die Vorstände in seinem Unternehmen,
  • der tägliche Stau hier,
  • die vielen Verpflichtungen,
  • der Druck seiner Frau Marie,
  • die pubertieren Kinder Michael und Caroline
  • sein Blutdruck,
  • seine Herzbeschwerden,
  • seine zeitweilige Impotenz,
  • die Arbeit im Garten, die viele Hausarbeit und
  • die fehlende Zeit für sich selbst.“

 

„Am liebsten würde er nämlich seinen Job eher heute als morgen kündigen und seinen beiden Vorständen mal richtig, aber so richtig die Meinung sagen. Einer von den beiden ist vor drei Jahren in das Unternehmen gekommen. Beim ersten Gespräch erzählte er Alexander, dass eines seiner Projekte, in das der viel Herzblut investiert hatte, ja „wohl voll Scheiße gelaufen sei“. Standardmäßig sagte der Mann „sie werden mich zunächst hassen, aber dann werden sie mich lieben“.

„Ja, wenn da nicht der der 17. April 2003 gewesen wäre. Ein denkwürdiger Tag. Der Tag nämlich, an dem er seine männliche Potenz im Tresor der damaligen Bremer Landesbank eingeschlossen hat.

  • 385.000€ Kredit,
  • 30 Jahre Laufzeit,
  • monatliche Rate 1.450€
  • zuzüglich 350€ Nebenkosten für das Haus.

Er weiß noch genau, wie er sich an diesem Tag gefühlt hat. „Wenn ich das jetzt unterschreibe, dann bin ich 30 Jahre gefangen und kann nicht mehr frei entscheiden, was ich tun will“. Also verliere ich damit „sozusagen meine Potenz“.

„War es nicht schon lange so, dass er auf der Rückfahrt ins Wochenende schon bei dem Gedanken gestresst war, dort den Garten bearbeiten zu müssen oder die Garage aufzuräumen oder zu streichen. Oder die vielen anderen Arbeiten, mit denen ihn Marie erwartete, wenn er am Freitag zuhause war. Immer was zu tun, immer für andere dazusein, nie mal Zeit für sich selbst zu haben. Und immer wieder zum sehen und gesehen werden im Amici essen gehen. Immer vom Feinsten, unter Brunello geht bei Wein gar nichts mehr. Der Inhaber war ein Weinfreak und hatte Brunelli von Poggio Antico, Lisini und sogar von Salvioni auf der Karte. Keine Flasche unter 80€.“